Agfa Isolette II

Mittelformat für die Hosentasche

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Die Isolette mit ausgeklapptem Balgen

Was ist der wesentlich Vorteil des Mittelformats: Eine deutlich bessere Bildqualität als beim Kleinbildformat, die sich besonders deutlich bei der Projektion oder bei Vergrößerungen in größerem Maßstab bemerkbar macht. Gravierender Nachteil des Mittelformats ist jedoch die meist großvolumige und damit auch deutlich schwerere Ausrüstung, die mit dem Einsatz von MF-Systemen verbunden ist.

Auf die Frage des Teilnehmers eines Fotoforums, wie man denn die schwere Ausrüstung am bequemsten transportieren könne, kam prompt die Antwort „Wieso schwer? Hast Du keine Frau/Freundin“? Nun, dies ist selbstverständlich eine praktische, aber auf Dauer vielleicht der Beziehung etwas abträgliche Lösung.

Auch das Argument, daß jeder berühmte Fotograf schließlich Assistenten hat, die sich u.a. um den ach so trivialen Transport der Ausrüstung kümmern und damit der künstlerischen Kreativität des großen Meisters den notwendigen Entfaltungsspielraum geben, stößt bei den meisten Partnerinnen zumindest langfristig auf reichliches Unverständnis. Also bleiben dem geplagten und unverstandenen Mittelformatkünstler außer dem mit hohen Folgekosten verbundenen Kauf eines Lastesels oder der nicht minder kostenintensiven Miete einer Trägerkolonne nur

  • das eigene Schleppen der kompletten Mittelformat-Ausrüstung (beschwerlich, konditionell sinnvoll, aber meist nicht dauerhaft durchgehalten)
  • der Verzicht auf die Mitnahme der Fotoausrüstung (grundsätzlich werden genau dann die Traummotive entdeckt)
  • der Verzicht auf einzelne Teile der umfangreichen Ausrüstung (grundsätzlich werden dann genau die Teile benötigt, die man zu Hause gelassen hat)
  • der Kauf einer Mittelformatkamera, die leicht ist und von der Größe zur Not auch noch in die Hosentasche passt (das Pendant zur Kompaktkamera der Kleinbild-Fotografie)
Handlich - die zugeklappte Isolette

Handlich – die zugeklappte Isolette

Gerade letztere Maßnahme sorgt dann auch dafür, daß man die Kamera tatsächlich dabei hat, wenn diese benötigt wird. Und auch preislich muß eine solche Kamera nicht auf dem Niveau der „Hauptkamera“ liegen. Die hier kurz vorgestellte Agfa Isolette, die es in verschiedenen Ausführungen zu kaufen gibt, ist ein Beispiel für eine kleine, leichte, kompakte und durchaus qualitativ gute Kamera zum Immer-dabei-haben. Die vor allem in den fünfziger Jahren weit verbreiteten Klappkameras haben – je nach Hersteller und Modell – brauchbare Optiken und ebenso zuverlässige Verschlüsse. Sicherlich kein Vergleich zu einer Rollei, einer Hasselblad, einer Bronica und all den anderen Flaggschiffen des Mittelformats, aber schließlich ist es besser eine mittelmäßige als gar keine Kamera dabei zu haben. Auf Fotobörsen oder Internet-Auktionen sind diese Geräte zu moderaten Preisen zu haben, die nicht nur dem erfahrenen MF-Fotografen eine Zweitkamera erlauben, sondern die auch gerade für Einsteiger eine ideale Lösung darstellen.

Mit dem Kauf einer günstigen MF-Klappkamera kann der interessierte Einsteiger ins Mittelformat ohne die sonst üblichen (und oft abschreckenden) Einstiegskosten testen, ob er am Mittelformat Gefallen findet, ob er den aus dem größeren Format resultierenden Qualitätsvorsprung gegenüber dem Kleinbildformat überhaupt benötigt und ob er die notwendige Geduld und Ruhe zum Fotografieren im Mittelformat aufbringen kann und will.

Die gezeigte Agfa Isolette II wurde für ca. 60 Euro auf einer größeren Fotobörse erstanden. Wie man sieht, kein Preis, der einen in den finanziellen Ruin treibt, sollte man im Nachhinein feststellen, daß das Mittelformat eigentlich doch nichts für einen ist. Auf was sollte man beim Kauf einer solchen Klappkamera egal welchen Herstellers achten:

  • Wenn möglich, gleich eine Kamera mit vergütetem Objektiv nehmen (meist am bläulichen Schimmer der Linsen erkennbar).
  • Das Objektiv sollte frei von Kratzern und Flecken (beschädigte Vergütung) sein.
  • Der Balgen sollte unbedingt lichtdicht sein, da ansonsten durch Streulichteinfall hässliche Streifen oder Flecken auf dem Negativ erscheinen.
  • Das Kamerainnere sollte frei von Rost und Verschmutzungen sein.
  • Alle mechanischen Funktionen sollten noch leichtgängig sein (Spannen des Verschlusses, Transport des Films, Auslöser, etc.).
  • Die Verschlußzeiten sollten noch recht genau ablaufen, was natürlich nur schwer zu testen ist. An den langen Verschlußzeiten (1 Sekunde) kann dies noch am besten eingeschätzt werden, wobei festzustellen ist, daß viele dieser älteren Kameras zwar keine genauen langen Zeiten mehr liefern (auch unsere Isolette nicht), aber bei den am meisten genutzten mittleren Zeiten (1/100 oder 1/125 Sekunde) noch sehr zuverlässig sind. Und bei Zeiten um 1 Sekunde kommt es (zumindest bei Schwarzweißaufnahmen) oft kaum auf einige Zehntelsekunden mehr oder weniger an Belichtung an (die Perfektionisten würden mich natürlich jetzt ob dieser Aussage am liebsten steinigen).
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Übersichtlich – links das Rad zum Ablesen der
Schärfentiefe, rechts Auslöser und Filmtransportrad

Gerade bei gebrauchten Kameras dieses Alters zeigen sich beim Kauf ganz klar die Vorteile einer realen Fotobörse gegenüber der virtuellen Kaufbörse im Internet: Das begehrte Stück kann angefasst, ausprobiert und begutachtet werden. Auch hier kann man natürlich Fehlkäufe tätigen und versteckte Mängel erst nachträglich bemerken, aber das Risiko wird durch reale Begutachtung deutlich minimiert.

Was fehlt dann noch, um ein richtig belichtetes Bild mit einer solchen Kamera machen zu können? Der Belichtungsmesser, da Klappkameras dieser Baujahre meist über keinen solchen verfügen bzw. diese älteren nicht elektronischen Selen-Belichtungsmesser nicht mehr zuverlässig funktionieren. Hier bieten sich zwei Möglichkeiten:

  • Zum Ausprobieren der Klappkamera kann auch eine bereits vorhandene Kleinbild- oder Mittelformatkamera, die über einen eingebauten Belichtungsmesser verfügt, zur Messung der Belichtung und der Ermittlung der richtigen Zeit-Blenden-Kombination benutzt werden.
  • Die Anschaffung eines Handbelichtungsmessers, der aufgrund seiner Kompaktheit ebenfalls immer mitgenommen werden, und der auch für andere fotografische Zwecke durchaus nützlich sein kann.

Unsere Isolette II läßt die Einstellung von Belichtungszeiten von B bis 1/500 Sekunde und Blendenwerte von 4,5 bis 22 zu. Der Verschluß muß vor jeder Belichtung vorne am Objektiv gespannt werden. Auch Blende, Zeit und Entfernung werden dort von Hand voreingestellt. Die Entfernung muß vom Fotografen geschätzt werden, also eine deutliche Umstellung für die durch Autofokus, Mikroprismen- oder Schnittbildentfernungsmesser verwöhnten Fotografen. Eine praktische Hilfe für die Entfernungseinstellung ist ein Drehrad auf der Isolette, auf dem anhand der gewählten Blende der Schärfentiefebereich abgelesen werden kann. Der Film wird nach jedem Bild mit Hilfe eines ebenfalls oben auf der Kamera befindlichen Transportrads so lange weitergedreht, bis die nächste Bild-Nr. auf dem Papierstreifen des Films in einem kleinen verschließbaren, rotgefärbten Fenster auf der Kamerarückseite erscheint.

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Purismus- – manuelle Entfernungs-,
Blenden- und Zeiteinstellung bei der Isolette

Eine Schnappschußkamera ist die Isolette mit all den geschilderten manuell vorzunehmenden Voreinstellungen sicherlich nicht, aber wer sich ernsthaft mit dem Mittelformat beschäftigt, für den liegt ja oft gerade der Reiz dieser Art des Fotografierens darin, daß man zu ruhiger, überlegter Vorgehensweise angehalten wird: Eine Form der Streßbewältigung durch die Wiederentdeckung der Langsamkeit.

So mancher wird erstaunt sein, wie gut die mit einer solchen Kamera eingefangenen Bilder sind: Auch damals verstand man es schon, gute und bezahlbare Kameras zu fertigen, die ganz ohne Elektronik und Stromversorgung auch noch nach vielen Jahrzehnten ihren Dienst versehen.

Vor einem sei gerade der Mittelformat-Einsteiger natürlich deutlich gewarnt: Die Folgekosten des Kaufs einer solchen Klappkamera für deutlich weniger als 100 Euro können schon schnell leicht in die Tausende gehen. Wieso? Nun, wer mit einer derartigen Kamera erst einmal Gefallen am Mittelformat gefunden hat, der stellt sich natürlich schnell die Frage, um wieviel besser die Bilder denn noch sein könnten, wenn man erst einmal eine der namhaften, aktuellen Mittelformat-Kameras mit Spitzenoptik sein Eigen nennen würde. Und von dieser gefährlichen Fragestellung über die selbst gegebene Antwort bis zum eigentlichen Kauf ist es dann meist nur ein sehr kurzer Weg ….

copyright Ralf Brauer

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