AGFA-Selectronic S

Wer kennt sie nicht –
die legendären AGFA-Kameras mit dem roten Punkt drauf…

 

Der Punkt heisst Sensor und bezeichnet bei Agfa einen speziell konstruierten Auslöser, der sich folienartig in die Kameraoberfläche integriert. Er gestattete mit 0,5 mm Auslöseweg und dennoch klarem Druckpunkt ein besonders verwacklungsfreies Auslösen. Bis etwa 1983 stattete Agfa die eigenen Kleinbild- und zum Teil sogar Filmkameras mit diesem Auslöser aus.

Die Kamera, um die es hier geht, heisst Selectronic S und hat – natürlich – einen Sensorauslöser der beschriebenen Art. Die 1970 erschienene Selectronic S gab es nur in schwarz. Ihre Schwestern der Optima-Baureihe, die hauptsächlich mit silberfarbener oberer Abdeckung geliefert wurden, waren ansonsten äusserlich sehr ähnlich. Nicht ähnlich dagegen der Preis: mit DM 450,- war die Selectronic S recht teuer.

Die wenigsten anderen Agfa-Modelle besassen jedoch eine Möglichkeit, die Entfernung zum Motiv im Sucher punktgenau abzugleichen. Dies ist die grösste Besonderheit der Agfa Selectronic S. In der Bildmitte des Suchers wird ein kreisförmiger, etwas gelblich gefärbter Bereich dazu genutzt, ein zweites Sucherbild zu überlagern. Decken sich dieses und das eigentliche Sucherbild, so ist die Entfernung korrekt eingestellt. In der Praxis funktioniert das sogar in der Dämmerung und in Situationen, wo so manche moderne Autofokuskamera ihre Schwierigkeiten bekommt.

Nun stehen und fallen Qualitätsaussagen natürlich immer mit den aktuellen Vergleichsmöglichkeiten. Daher beschreibeselssu1556_600 ich das Bild, das sich dem Fotografen beim Blick durch den (Mess-)Sucher der Selectronic S ergibt, einfach als hell und klar. Gegenüber der hier an anderer Stelle beschriebenen, mehrfach teureren Leica M6 könnte man sagen dass der Sucher der Agfa etwas kleiner und leicht blaustichig erscheint. Wesentliche Einschränkungen empfinde ich als Nutzer beider Kameras jedoch nicht, wenn ich mit der Agfa fotografiere (und es gibt durchaus Kameramodelle, die ich wegen ihrer kleinen und dunklen Sucherdarstellung nicht gern benutze).

Brüder und Schwestern…

Von Agfa selbst gibt es noch eine weitere Kleinbild-Kompaktkamera mit Messucher und zwar die Optima 1535. Sie ist etwas kleiner und kompakter als die Selectronic S. Ferner hat Agfa noch weitere Modelle mit der Bezeichnung „Selectronic“ produziert: die Selectronic (kleine Schwester der S. S. ohne Messucher), und die Selectronic 1-3. Letztere waren Spiegelreflexkameras mit K-Bajonett, die von Chinon hergestellt wurden. Es gab baugleiche Modelle unter anderem von Foto-Quelle mit dem Hausmarkennamen Revue. Wer auf der Suche nach kleinen, automatischen Messucherkameras ist, könnte sich auch einmal die Konica C35, Olympus 35RC, Petri Computor oder eine Revue 400SE ansehen.

Messucherkameras gibt es aber auch eine Preisklasse höher. Die Leica M-Serie bis zur aktuellen M8, Zeiss-Ikon hat gerade eine neue Serie Messucherkameras mit Automatik aufgelegt und Cosina bietet unter dem Namen Voigtländer mit der Typenbezeichnung Bessa ebenfalls Kameras dieser Art an. Von Cosina kam auch die gerade eingestellte Epson R-D1.

Diese Kameras besitzen ein Wechselbajonett fürs Objektiv und sie sind mit den besten Linsen dieser Welt kompatibel die es z.B. von Leitz und Zeiss gibt.

Wie fotografiert man mit einer Selectronic S?

Deckel auf, Filmrolle rechts hineinfallen lassen, Filmende links unter eine deutlich markierte Plastikabdeckung schieben, Deckel zu – fertig. „drop-in“ anno 1970. Selbsterklärend. Die Anordnung des Suchers ist ideal für linksäugige Zweiaugenfotografen wie mich. Die Agfa Selectronic S hat einen eingebauten Belichtungsmesser, der ausschliesslich automatisch die kamerainterne Elektronik zur Wahl der Verschlusszeiten steuert. Also ein Zeitautomat. Die Blende stellt der Fotograf am hinteren Ring des Objektivs selbst ein. Die Entfernungseinstellung erfolgt ebenfalls manuell am vorderen Objektivring nach Skala (in Metern und Fuss) oder über die angesprochene Messuchereinrichtung. Mir persönlich ist die manuelle Blendenvorwahl sehr angenehm da ich so die Möglichkeit habe, auf die Schärfentiefe meiner Bilder Einfluss zu nehmen. Mit der grössten Blendenöffnung von f2,8 und dem „vollformatigen“ Kleinbildfilm lassen sich zum Beispiel auf eine Entfernung von einem Meter Schärfentiefefelder von 7(!)cm realisieren. Zusammen mit den 45cm Brennweite des Objektivs ist so schon das eine oder andere schöne Portrait mit unscharfem Hintergrund entstanden…

Eine weitere Skala am Objektiv lässt den Fotografen dabei die ungefähre Schärfentiefeausdehnung analog zur gewählten Blende ablesen. Belichtungszeit und gewählte Blende werden im Sucher angezeigt. Ein elektronisches Blitzgerät sowie ein mechanischer Fernauslöser können bei Bedarf verwendet werden. Die Selectronic S registriert über einen mechanischen Hebel am Blitzschuh, wenn ein Blitzgerät aufgesteckt ist und stellt die Belichtungszeit fest ein.

Im Gebrauch als ungemein praktisch stellt sich der links unten an der Kamera angeordnete Schnellspannhebel heraus. Subjektiv lassen sich damit für eine manuell zu spannende Kamera recht kurze Bildfolgezeiten erreichen, da der Hebel mit dem linken Daumen bedient wird während die rechte Hand in Halte- und Auslöseposition verbleiben kann. Die Agfa besitzt einen Metallkorpus, der angenehm schwer in der Hand liegt und nirgends knirscht oder knackt. Auch die Freunde von Selbstportraits oder Stativauslösung ohne Berührung kommen nicht zu kurz: es gibt einen Selbstauslöser mit einer Vorlaufzeit von ca. 7 Sekunden.

Eine Glühlampe, die sich hinter dem äusseren „Auge“ an der Vorderseite befindet, signalisiert während des Ablaufs der Selbstauslösezeit Aktivität. Diese Glühlampe meldet sich auch, wenn man die Batterietesttaste an der Rückseite drückt. An der Bodenplatte finden wir ein Stativgewinde und das Bildzählwerk.

Natürlich sind auch ein paar Details nicht so günstig gelöst. Man sollte sich darauf einstellen. So befindet sich die Messzelle des Belichtungsmessers hinter dem objektivnäheren „Auge“ vorn am oberen Gehäusedeckel. Dort verirrt sich im Eifer des Gefechts schonmal ein Finger hin. Überbelichtete und / oder verwackelte Bilder sind die Folge. Eine Lösung wie bei Yashicas oder Minox 35, wo die Messzelle vorn am Objektiv angeordnet ist, gestaltet sich da in der Praxis doch deutlich narrensicherer. Da die Selectronic S nicht über eine separate Rückspulkurbel verfügt, muss der belichtete Film nach Einrasten des „R“-Hebels auf der Vorderseite der Kamera mit dem Spannhebel zurückgespult werden. Das ist kein Problem. Ein Problem dagegen hat, wer danach vergisst den „R“-Hebel wieder zurückzustellen. Der neu eingelegte Film landet dann nämlich unweigerlich in der Patrone ohne dass ein Bild drauf ist…

Als weiteren Nachteil empfinde ich, dass Agfa keinerlei Belichtungskorrektur vorgesehen hat. Gegenlichtaufnahmen sind somit nur ganz eingeschränkt möglich. Wer grösstenteils mit niedrigempfindlichen Filmen fotografiert dem steht zur Korrektur noch die Empfindlichkeitseinstellung zur Verfügung. Die hört aber bereits bei ISO400 auf und erfordert zum Verstellen auch jedenfalls eine Münze oder ähnliches. Ein Filtergewinde besitzt die Selectronic S leider nicht. Das finde ich etwas verwunderlich zumal in den Siebzigern selbst viele einfachere Kompaktkameras ein Filtergewinde besassen. Gerade wegen der fehlenden Belichtungskorrekturmöglichkeit wäre hier die Option eines ND-Filters willkommen gewesen.

Fazit… fällt schwer.

Wenn, wie in meinem Fall, der Wunsch nach einem kompakten Zeitautomaten mit Messucher in stabilem Outfit mit der alten Liebe zur Agfa Sensor zusammentrifft und dann noch so charmant in schwarz erscheint wie die Selectronic S, dann haben sich einfach zwei gesucht und gefunden. Diese Kamera macht alles was sie kann einfach sehr gut. Die Belichtung ist immer ausgewogen, ihre Bilder scharf und farbenfroh-kontrastreich. Wie schon angesprochen kommt es drauf an, womit man vergleicht. In meinem Fall sind es verschiedene Kleinbildkameras, die grösstenteils mit Carl Zeiss Sonnar-Objektiven oder Sonnar-Typen bestückt sind. Das Solinar der Agfa, seines Zeichens ein vierlinsiger Tessar-Typ, braucht sich in keiner Weise dahinter zu verstecken. Abbildungsfehler oder übermässige Streulichtempfindlichkeit, Unschärfen zum Rand oder Weichheit bei Offenblende gibt es nicht. Andererseits müssen wir heute im Jahr 2007 auch ehrlich zugestehen, dass es eine Reihe aktueller(er) Kameras gibt, die auch nicht grösser und schwerer sind als dieses alte Schätzchen. Und dabei nur so strotzen vor Funktionsvielfalt und „Möglichkeiten“. Wenn man aber den Geist einer Zeit, in der Kleinbild noch nicht Vollformat hiess, ein wenig an sich heranlässt belohnt einen die Selectronic S mit etwas das in diesen Tagen doch nicht so selbstverständlich ist: mit Zuverlässigkeit, Einfachheit und guten Bildern.

 

 
Text und Photos © Axel Thomas

Die Bedeinungsanleitung zur Kamera findet ihr in unserem Downloadbereich