Einstieg in die «analoge Fotografie»

Eine kleine Starthilfe bei der Wahl der Kamera

Das Interesse für analoge Fotografie und die Selbstverarbeitung von Silberfilm steigt momentan stark an. Grund dafür ist sowohl die Faszination des „vor den eigenen Augen“ entstehenden Bildes, als auch die durch das beschränkte Aufnahmematerial steigende Konzentration bei der Aufnahme – man hat eben nicht hunderte Aufnahmen für ein und das selbe Motiv zur Verfügung, außer man hat einen Koffer voller Filme mit.

Ein weiterer Aspekt für die vermehrte Fotografie mit analogen Systemen ist der Kostenfaktor: ein gutes Spiegelreflexkamera-System (SLR-System) von Nikon, Canon, Olympus oder Minolta mit hervorragenden Wechselobjektiven ist heute für den Bruchteil des Preises einer digitalen SLR mit Kit-Objektiv zu bekommen.

Eine Anleitung für die erste Entwicklung eines Schwarzweißfilms sowie über die Arbeit in der Dunkelkammer sind auf der Seite der Aphog bereits vorhanden. Die schwierigste Entscheidung für einen angehenden Analog-Fotoamateur ist aber häufig die Wahl der Kamera bzw. des Kamerasystems. Welche Marke soll ich kaufen? Welchers Modell ist am besten für mich geeignet? Welche Objektive brauche ich? Was für eine Art Kamera sollte ich mir überhaupt zulegen? Kleinbild? Mittelformat? Spiegelreflex? Messsucher? Diese Fragen sollen in diesem kleinen Artikel geklärt werden, um Interessierten den Einstieg in die analoge Fotografie zu erleichtern.

Die Marke der Kamera – Canon, Nikon, Minolta etc. – soll uns zunächst nicht interessieren. Viel mehr steht am Anfang jeglicher Kaufüberlegungen die Wahl der Kameraart. Im Groben gibt es 4 unterschiedliche Kamerabauarten: Spiegelreflexkameras (SLR, Single Lens Reflex), zweiäugige Kameras (TLR, Twin Lens Reflex), Messsucherkameras und einfache Sucherkameras. Alle Varianten gibt es sowohl im Kleinbildformat, also üblichem 35 mm-Film in Patronen, und Mittelformat, also Rollfilm mit Negativen zwischen 4,5×6 und 6×9 cm, außer der TLR-Kamera.

Für den Anfänger ist die Wahl einer Kleinbildkamera sicherlich sinnvoller, da das Filmmaterial preiswerter und leichter zu besorgen ist. Bei der Wahl der Kameraart gilt es allerdings, ein wenig die spezifischen Eigenheiten jeder einzelnen Kameragattung zu beachten.

Sucherkamera: Die einfache Sucherkamera hat keiner Verbindung zwischen Sucher und Objektiv, d. h. man sieht beim Anfokussieren des Bildes nicht durch das Objektiv. Dies hat zum Nachteil, dass man bei nahen Motiven die sog. Parallaxenverschiebung beachten muss: Je näher das Objekt, desto mehr fällt natürlich der Abstand zwischen Sucher und Objektiv, also auch zwischen Sucher und Negativebene ins Gewicht. Durch den Sucher sieht man dann bei nahen Aufnahmeobjekten nicht mehr genau das, was später auch auf dem Negativ zu sehen sein wird. Dafür haben die meisten Sucherkameras eine Markierung am Sucherrahmen, dem Rahmen im Sucher, durch den man das Bild anvisiert. Diese Markierung dient zur Korrektur der Parallaxenverschiebung.

Ein weiterer Nachteil einfacher Sucherkameras ist, dass man die Entfernung zum scharfzustellenden Objekt schätzen muss. Für viele Anfänger ist dies schwierig, es gibt allerdings auch Fotoamateure, die sich noch nach Jahrzehnten verschätzen. Gerade bei Anfängern empfehle ich daher keine einfache Sucherkamera, da die Ergebnisse mitunter nicht ermutigend sein können. Des weiteren besitzen die meisten einfachen Sucherkameras keine auswechselbaren Objektive.

canonet28Messsucherkamera: Wie die einfache Sucherkamera verfügt auch die Messsucherkamera über eine Trennung von Sucher und Objektiv, weswegen es auch hier die Parallaxenverschiebung gibt.
Ein wichtiger Unterschied zur einfachen Sucherkamera ist aber der sog. Messsucher: mit ihm kann man die korrekte Entfernung zum scharfzustellenden Objekt einstellen, ohne schätzen zu müssen. Das Prinzip ist einfach: der Scharfstellmechanismus der Kamera ist an ein verstellbares Spiegelchen in einem seperaten Fenster neben dem eigentlichen Sucher gekoppelt. Dieses Spiegelchen wirft einen transparenten Bildausschnitt in die Mitte des Suchers, den man auf das zu fokussierende Objekt richtet. Durch das Drehen am Fokussierrung des Objektivs dreht sich das Spiegelchen so lange, bis der transparente Ausschnitt im Sucher mit dem eigentlichen Sucherbild übereinanderliegt – nun ist auf das Objekt scharfgestellt.

Viele Anfänger tun sich mit der Messsuchertechnik schwer, wobei sie, wenn man sich daran gewöhnt hat, nicht sonderlich schwer ist. Ein Vorteil von Messsucherkameras gegenüber SLRs ist das niedrigere Gewicht, der Messsucher könnte allerdings zu Anfang etwas problematisch sein. Viele Messsucherkameras besitzen wechselbare Objektive.

canonSpiegelreflexkameras (SLR): Die Spiegelreflexkamera ist die optimale Kamera für den Fotoanfänger generell (ob digital oder analog). Der Vorteil gegenüber Sucherkameras ist, dass man beim Einstellen des Bildes durch ein Prismen- und Spiegelsystem durch das Objektiv schaut – man sieht also stets, was man auch später fotografiert (wenngleich der eigentlich sichtbare Bildausschnitt meist zwischen 85 und 95 Prozent des eigentlichen Negativs beträgt). Das Bild wird durch das Objektiv auf einen Spiegel geworfen, der das Motiv dann durch den Sucher wirft. Bei der Aufnahme klappt der Spiegel hoch (bei einigen Modellen auch runter) und der Verschluß öffnet sich. Nach der Aufnahme klappt der Spiegel beim Großteil der SLRs wieder runter.

Ein weiterer riesiger Vorteil gegenüber der Sucherkamera ist die Kontrolle der Schärfentiefe: Je weiter man ein Objektiv abblendet (also je weiter man die Blende schließt -> hohe Blendenzahl), desto größer ist der scharfe Bereich auf dem Bild. Da SLRs mit Offenblendmessung arbeiten, man also beim Anfokussieren die größte Öffnung des Objektivs verwendet, kann man bei guten SLRs zur Schärfentiefekontrolle mit der Abblendtaste noch vor der Aufnahme auf die geplante Blende abblenden. Diese Möglichkeit gibt es bei Sucherkameras nicht.
Auch das Scharfstellen stellt sich für den Fotoanfänger einfacher dar: dadurch, dass man direkt durch das Objektiv schaut, kann man ohne Messsucherhilfe scharfstellen. Die meisten SLRs bieten zudem noch Fokussierhilfen auf der Mattscheibe an, wie etwa Schnittkeile oder Mikroprismen. Beim Schnittkeil befindet sich in der Mitte der Mattscheibe (und damit in der Mitte des Sucherfeldes) ein in der Mitte geteilter Kreis. Beim Drehen des Fokussiermechanismus am Objektiv verschieben sich diese Keile: Man richtet die Kamera auf das zu fokussierende Objekt und dreht solange am Fokussierring, bis die Schnittkeile ein gemeinsames, verbundenes Bild darstellen. Mikroprismen zeigen den zu fokussierenden Bildausschnitt stark „verpixelt“ an, wenn er nicht fokussiert ist. Je näher man am optimalen Schärfepunkt ist, desto schärfer stellen die Mikroprismen das Bild dar.
SLRs gibt es sowohl mit oder ohne Autofokus: die Modell ohne Autofokus sind meist preiswerter, zudem ist ein schlechter Autofokus sehr hemmend beim zügigen Fotografieren.
Spiegelreflexkameras verfügen in der Regel über ein großes Wechselobjektivsortiment.

rolleiZweiäugige Kameras (TLR): Zweiäugige Kameras sind quasi Spiegelreflexkameras ohne schwingenden Spiegel: der Suchereinblick erfolgt durch einen seperaten Sucher mit Spiegel, der über dem Aufnahmeobjektiv liegt.

Welche Eigenschaften sollte nun eine erste analoge Kamera haben? Ich empfehle in jedem Falle eine Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven in den Stärken 35 mm (Weitwinkel), 50 mm (Standardobjektiv, entspricht dem Betrachtungswinkel des Auges) und 100 mm (leichtes Teleobjektiv). Die Kamera sollte folgende Eigenschaften haben:

  • Fokussierhilfe (am besten Schnittkeile)
  • Wechselobjektive
  • für Anfänger automatische Belichtung (TTL, „through the lens“), die allerdings beeinflussbar sein sollte: keine Kamera mit reiner Programmautomatik, die Möglichkeit der Blenden- oder Zeitvorwahl sollte gegeben sein. Bei Blendenautomatik wählt man die Zeit, die Kamera wählt die dazu passende Blende aus; bei Zeitautomatik ist es umgekehrt, diese Variante ist verbreiteter
  • Abblendtaste zur Kontrolle der Schärfentiefe
  • Blitzschuh – eingebaute Blitzlichter sind meistens schwach und nur in sehr begrenztem Umfang für den ambitionierten Fotoamateur nutzbar
  • manuelle Belichtungskorrektur: in bestimmten Lichtsituationen ist es erforderlich, der eingebauten Belichtungsautomatik ein wenig mit einer manuellen Korrektur auf die Sprünge zu helfen

letzten Endes sehr wichtig: eine gute Haptik! Nichts ist schlimmer als eine Kamera, die nicht gut in der Hand liegt und schwer zu bedienen ist!

Über folgende Eigenschaften entscheiden persönliche Geschmäcker und Geldbeutel:

  • motorisierter Filmtransport
  • Autofokus
  • LCD-Feld mit Informationen
  • DX-Kodierung: die Kamera liest automatisch anhand einer Codierung an der Filmpatrone ein, welche Empfindlichkeit der eingelegte Film hat. Achtung: eine manuelle Überbrückung dieser Funktion sollte dann aber auch möglich sein, einige Filme sind nämlich uncodiert!

Die Kameramarke sollte man anhand der Verfügbarkeit von guten Gebrauchtobjektiven abhängig machen, im Grunde ist es aber lediglich eine Glaubensfrage, ob man nun Nikon, Canon, Minolta, Pentax, Olympus o. ä. wählt. In letzter Zeit liegen die Gebrauchtpreise für Minolta-Kameras und -Objektive im Keller, auch Ricoh mit seinen PK-Bajonettkameras sind sehr preiswert zu haben. Das PK-Bajonett von Pentax hat den Vorteil, dass massenweise Objektive von Drittherstellern produziert wurden und nicht ausschließlich teure Originalobjektive. Grundsätzlich sollte man sich aber vor dem Kauf eines Objektivs informieren, am besten natürlich im Aphog-Forum!

Die Wahl, ob man manuellen Fokus oder Auto-Fokus wählt, ist wie bereits erwähnt Geschmacks- und Geldsache.

Und wenn man dann seinen ersten Schwarzweißfilm voll hat, kann man sich gleich im Downloadbereich der Aphog eine Anleitung für die eigene Entwicklung anschauen. Vor einer Gefahr sei allerdings gewarnt: wer einmal mit der Selbstentwicklung anfängt, wird früher oder später sein Badezimmer zur Dunkelkammer umbauen!

Mit dieser kleinen Starthilfe jedenfalls sollte dem ambitionierten Anfänger das Finden einer Antwort auf eine wichtige Frage zu Beginn seines Hobbies jedenfalls leichter fallen.

Viel Spaß!

Tobias Költzsch