Leica M6

Die Legende lebt

 

KL-m6crkl1Was schreibt man über eine Kamera, die vor mittlerweile 28 Jahren auf den Markt kam und – das ist das Besondere – bis zum heutigen Tag als MP fast unverändert gebaut wird?
Es geht um die Leica M6. Leicas erste Messsucherkamera mit einem eingebauten Belichtungsmesser (wenn man wie ich die M5 nicht wirklich in die M-Reihe einsortiert). Ein Stück Altmetall der extraangenehmen Sorte, eine (manche sagen die letzte) „richtige“ M-Leica. Nach der M6/MP folgte für die Benutzung mit Film bei Leica nur noch die M7. Auch die M7 gibt es aktuell noch neu zu kaufen, sie ist allerdings im Gegensatz zu all ihren älteren Schwestern auf Batterien angewiesen da sie einen elektronisch gesteuerten Verschluß besitzt.

Meine M6 ist eins der früheren Modelle, aus den Achtzigern des letzten Jahrhunderts und sie ist schwarz. Die M6 ist eine rein manuell zu bedienende Kamera, es gibt keine Automatiken. So etwas war mal selbstverständlich und für mich macht das bis heute auch den Reiz an der Fotografie mit dieser Kamera aus. Nimmst Du die M6 in die Hand, schaust Du nach dem Licht.Nimmst Du die moderne Automatikkamera schaust Du nach dem Einschalter und dann aufs Display…

Es gibt an der M6 keinen Einschalter. Sie ist entweder gespannt, dann funktioniert auch der Belichtungsmesser beim Antippen des Auslösers für einige Sekunden oder sie ist ausgelöst. Dann funktioniert er nicht.

Nun handelt es sich bei dem eingebauten (man spricht von „ungekuppeltem“) Belichtungsmesser nicht um einen der modernen Art, der einem ein durchrauschendes Zahlenwerk beschert, sondern um eine sogenannte Lichtwaage. Zwei rote LED-Pfeile müssen gleichzeitig leuchten, dann passen Zeit und Blende zu dem Lichtwert, den eine Fotozelle im Gehäuseboden über einen weissgrauen Punkt auf dem Verschlussvorhang ermittelt.

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Die Messmethode ist also „TTL“ – through the lens. Heisst die M6 deshalb M6TTL?  Nein – meine nicht. Aber es gab eine M6TTL. Die hiess nur deshalb so, weil sie die gemessenen Belichtungsdaten über zusätzliche Kontakte im Blitzschuh an ein Systemblitzgerät weitergeben konnte.

Die Belichtungsmessung funktioniert vorzüglich. Im Bereich um eine Blende Unter- oder Überbelichtung glimmt die betreffende LED. Meine Faustregel lautet deshalb, daß belichtungstechnisch normalerweise alles passt solange beide LEDs irgendwie leuchten. Erfahrungswerte halt.

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Überhaupt besteht die Fotografie mit Leicas für mich zu einem überwiegenden Teil aus Erfahrungswerten. Es wird an mancher Stelle eines solchen Berichtes deshalb etwas schwieirig, die richtigen Worte für den auszudrückenden Sachverhalt zu finden. Manche sagen daß Fotografie mit Leicas etwas einzigartiges wäre, das man nur selbst erfahren könne. Das stimmt. Es wird aber bisweilen als etwas anmassend interpretiert. So ist es nicht. Die Fotografie mit manch anderer Kamera ist genauso einzigartig und man muss sie genauso erfahren.

Als Leicahaber ist man halt manchmal etwas mehr unter Beobachtung…
Unter anderem aus diesem Grund gibt es auf meinem M6-Gehäuse nichts zu lesen. Wer das Gerät kennt braucht keine schriftliche Bestätigung und im übrigen bekomme ich weder von Leica noch von Canon auch nur einen warmen Händedruck dafür, daß ich für sie Werbung laufe.

Also – Tape drüber.

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Das mit dem Erfahren betrifft vor allem auch die Abmessungen der M6 (und damit die der ganzen M-Serie). Nach Daten ist die M 13,8cm breit, 7,7cm hoch und 3,8cm dick. Zum Vergleich: mein kleinstes Spiegelreflexgehäuse, das der Fujica ST705, ist mit 13,5cm Breite, 9cm Höhe und 5cm Dicke gar nicht so weit davon entfernt. Theoretisch.

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Praktisch vermittelt die M einfach in jeder Situation einen kompakteren Eindruck. Das Gehäuse hat kein vorstehendes Prismendach und die Gesamtdicke von Kamera und Objektiv, zumindest mit dem 35mm oder dem 50mm Summicron, ist deutlich geringer als die meisten Spiegelreflexsysteme. Dabei hat man aber noch nicht das Gefühl daß an irgendwas gespart wurde. Alle Bedienelemente bieten sich förmlich an und der Sucher der M6 ist immer hell, groß und gut überschaubar. Die Ausgewogenheit des Konzeptes erzeugt hier den Eindruck hoher Kompaktheit. Weniger die absoluten Daten und Maße.

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Tatsächlich vergleichsweise klein sind die Objektive des M-Systems. Dabei überwiegend aber sehr lichtempfindlich. Ich benutze hauptsächlich das Summicron M 2,0/35 an meiner M6. Wenngleich ich normalerweise ein absoluter Fan der „Normalbrennweite“ bin, ist das 2,0/35 an der M6 einfach die aus meiner Sicht universellste Lösung was den Schnitt über Bildwinkel, Lichtempfindlichkeit und Kompaktheit angeht.

Das Messsucherprinzip der M6 hat seine klaren Stärken dort, wo andere Suchersysteme ihre  Schwächen haben. So ist er stets hell und zeigt mit den meisten ‚Brennweiten über 100% Bildfeld. Der Sucher verdunkelt sich nicht beim Auslösen und er vermittelt mir den Eindruck, zu jeder Zeit mitten im Motivgeschehen zu sein. Das Minimalprinzip eines guten optischen Suchers erweitert um einige praktische Hilfsmittel. Die M6 verfügt über Leuchtrahmen für die Brennweiten 28, 35, 50, 75, 90 und 135mm, die je nach angesetztem Objektiv paarweise automatisch im Sucher eingespiegelt werden. Tatsächlich gibt es also drei Leuchtrahmenpaare. Die Leuchtrahmen lassen sich zusätzlich manuell über den kleinen Hebel auf der Vorderseite des Kameragehäuses umschalten.

Der Sucher ist parallaxkorrigiert was bedeutet, daß sich die Leuchtrahmen je nach Entfernungseinstellung am Objektiv leicht von rechts unten nach links oben verschieben. Man trägt so dem Unterschied zwischen physikalischer Sucheranordnung und tatsächlicher „Sichtweise“ des Objektivs am Gehäuse Rechnung.

Das funktioniert hervorragend ab etwa einem guten halben Meter Motivabstand aufwärts. Gleichzeitig wird klar, daß für Aufnahmen sehr naher Objekte andere Kamerasysteme geeigneter sind. Leica hat für die M-Serie lange Zeit das Visioflex-System angeboten, was im wesentlichen aus einem Spiegelkasten mit Prisma und Sucher besteht, der einfach vorn ans Bajonett der M-Kameras angesetzt  wird.

So wird aus der M im Handumdrehen eine Spiegelreflexkamera.

An den Brennweitengrenzen ( 28mm und 135mm ) enden dann auch die Vorzüge des Messsuchers der M6. Zwar lassen sich an der M-Serie alle möglichen Objektive benutzen wie zum Beispiel ein 15mm Superweitwinkel oder auch Fremdobjektive über Adapter ( das äußerst knappe M-Auflagemaß – Hinterlinse-Filmebene – bietet fast unbegrenzte Möglichkeiten ) aber dann wird ein Aufstecksucher erforderlich. Jedenfalls sofern man die exakten Grenzen des späteren Bildes bereits vor oder bei der Aufnahme kennen möchte.

 Objektive…

Ich habe im Laufe der Jahre viele Objektive an meiner M6 ausprobiert. Für die Summicrons sowie die meisten anderen Leica-Objektive gilt dasselbe wie fürs M-Gehäuse: sie sind einfach das beste Gesamtprogramm! Das sage ich nicht, weil ich der Ansicht bin daß ich immer und überall eine überragende optische Qualität solcher Objektive brauche. Ich gehe vielmehr davon aus daß das schon okay ist was durchs Wetzlar-Glas auf meinem Film landet.
Das kann ich für den Preis voraussetzen.
Es geht bei dem Gesamtprogramm vor allem aber um die Bedienbarkeit, die Kompaktheit und den Eindruck solider Feinmechanikerarbeit den so ein Leica-Objektiv mir als Benutzer jederzeit vermittelt. An der M6 ist ein Summicron nicht einfach ein angesetztes Objektiv sondern Kamera und Objektiv wirken wie eine Einheit aus einem Guss und lassen sich auch so bedienen.

Muss es unbedingt ein Leica-Objektiv sein?

Auf keinen Fall. Ich besitze unter anderem auch Objektive aus russischer Produktion, die über passende M39-M-Adapter hervorragend an der M6 funktionieren und vor allem ganz erstaunliche Bildergebnisse liefern. Eins davon benutze ich dauerhaft an meiner Leica CL.

Aber auch aus dem Hause Zeiss oder von Cosina/Voigtlaender gibt es sehr gute und preis-werte Objektive für das M-System. Gerade bei nicht so häufig eingesetzten Brennweiten lohnt sich also ein Blick in die Alternativ- oder Gebrauchtobjektivwelt mit M- oder M39-Anschluss unbedingt.

Zubehör…

Auch da habe ich viel an der M6 ausprobiert. Von Taschen über Gurte, Griffe, Motoren und Sonnenblenden gibt es zur M fast alles was auch für andere System-kameras verfügbar ist.
Für mich hat sich aber herausgestellt, daß die reine Kamera mit 35mm-Objektiv und Hand -schlaufe das Werkzeug ist, mit dem ich am liebsten fotografieren gehe – ohne irgendwelchen Schutzballast und schön im Rhythmus des manuellen Spannhebels und Auslösers. Meine Motive sind größtenteils Menschen und die warten nicht auf Kameravorbereitungen. Meine Kameras sind als Werkzeuge für mich Gebrauchsgegenstände.

Also kein Schutz- oder Pflegekult, das Material muss dienen.

Filme…

Wenn gerade nicht spezielles anliegt befindet sich jeweils ein 400er Farbnegativfilm in meiner M6. Als Garant dafür auf jeden Fall ein Bild zu bekommen, auch wenn es mal schnell geht und keine Zeit für Feineinstellungen bleibt.

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Das Filmeinlegen ist beim M-Gehäuse anders als bei anderen 35mm-Kameras  weil man lediglich den Bodendeckel abnimmt und einen Teil der Rückwand hochklappt. Ich komme damit gut zurecht und brauche zum Filmwechsel ohne Hektik so um die 30s. Etwa so lange wie auch mit einer EOS oder der Fujica ST. Es ist einfach eine Übungssache.

Positionsbestimmung im Jahr 2010

Es hat sich viel getan im Markt der Fotografiergeräte im Laufe der letzten zwanzig Jahre. Die M6 demonstriert mir auf absolut eindrucksvolle Weise, daß ich immernoch nicht mehr zum Fotografieren brauche als eben meine M6. Im Gegenteil passiert es öfter, daß ich mir mit der Digitalkamera oder der modernen Filmspiegelknipse in der Hand die Frage stelle, warum ich jetzt nicht einfach meine M6 genommen habe.

Der Spass an der Technik und den modernen „Möglichkeiten“ verstellt eben manchmal den Blick fürs Wesentliche. Hast Du ein Messer in der Hand, kannst Du Dir damit ein Brot schmieren, die Fingernägel saubermachen oder es einfach wegstecken. Darth Vader´s Laserschwert dagegen bietet so eine Vielzahl an Optionen daß Du Gefahr läufst zu vergessen daß Du Hunger hast und Fingernägelreinigen will damit schon geübt sein. Da ist die M6 für mich genau das richtige Mittel um mich wieder zu erden. Eine M ist und bleibt eben eine M.

Copyright Text und Bilder Axel Thomas