Meine Jahre mit Kodachrome

Von Eginhard Teichmann

Heute, im Jahr 2013, ist der berühmte Kodachrome-Diafilm, der vor 78 Jahren von den beiden Musikern und Hobbyfotografen Leopold Godowsky und Leopold Mannes im Auftrag von Kodak entwickelt wurde, bereits Geschichte. Die Produktion wurde eingestellt, und in Europa werden diese Filme jetzt auch nicht mehr entwickelt.

Als ich im Frühjahr 1954 den ersten Diafilm in meine kleine Contina 1a einlegte, war das allerdings noch kein Kodachrome sondern ein 36er Agfacolor-Umkehrfilm, wie er damals hieß. Der hatte auch keine genau nach DIN definierte Empfindlichkeitsangabe, sondern war „zu belichten wie 15/10° DIN“ und kostete einschließlich Entwicklung 13,50 DM, war also für einen 16-jährigen Schüler mit 5 DM Taschengeld im Monat fast unerschwinglich. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass 1954 ein gutes Brutto-Gehalt etwa 350 – 450 DM betrug. Auf heutige Gehälter übertragen würde dieser Diafilm etwa 80 Euro gekostet haben. Dazu kamen dann noch die Ausgaben für die Rähmchen, d.h. Gläser 5x5cm mit einer Diamaske dazwischen und mit Klebestreifen ringsum fest verschlossen.

Doch heute betrachtet man diese Art der Rahmung als Kunstfehler, denn wer nicht spätestens nach 30 Jahren in Glaslosrahmen umrahmte, konnte seine alten Dias bald wegwerfen. Pilzbefall und Ausdünstungen zerstörten fast jedes dieser hermetisch eingeschlossenen Dias.
Über die Papprahmen von Kodak lächelte man damals mitleidsvoll. Man ahnte noch nicht, dass sich aber diese Kodak-Rahmung später einmal als die bessere Lösung erweisen sollte. Allerdings kostete ein Kodachrome-Film mit 36 Aufnahmen – der Tageslichtfilm mit nur 11/10°DIN und der Kunstlichtfilm mit 13/10° DIN – einschließlich Entwicklung und Rahmung den stolzen Preis von 21 DM, und es galt die Preisbindung, also alle Fotoartikel kosteten überall den gleichen Preis.

Nun gab es in der Mitte der 50er Jahre, noch vor dem Bau der Mauer, für uns West-Berliner die Möglichkeit einige Waren in Ost-Berlin sehr günstig einzukaufen. Dazu gehörten z.B. Schallplatten, Bücher und Fotomaterial. Unter Ausnutzung des damaligen Umtauschkurses von 3,50 bis zu 6,00 Ostmark für 1 DM konnte man einen in Wolfen/Bitterfeld hergestellten Agfacolor-Umkehrfilm mit einer Empfindlichkeit von 13/10°DIN für etwa 2 DM bekommen, und für die Entwicklung dieses Films in einer West-Berliner „Agfa-Umkehranstalt“ zahlte man 3 DM pro Film. Später, gegen Ende der 50er Jahre, als aus Leverkusen bereits der CT 18 kam und die AGFA-Wolfen den „Agfacolor UT 16“ in der DDR und in Ost-Berlin anbot, brauchte man aber „drüben“ jemanden, der einem die Filme besorgte, weil Fotomaterial nur gegen Vorlage des DDR-Ausweises verkauft wurde. Nach dem Bau der Mauer, also ab Mitte August 1961 war diese Quelle dann endgültig versiegt.

Etwa zu jenem Zeitpunkt stellte Georg Blitz in seinen Lichtbildvorträgen, und natürlich auch bei uns in West-Berlin, den neuen Kodachrome II vor. Dieser Film bot alles, was man sich von einem Diafilm nur wünschen konnte: eine „hohe“ Empfindlichkeit von 15° DIN, hervorragende Bildschärfe, sehr feines Korn, eine angenehm weiche Gradation, vorzügliche Hautwiedergabe und leuchtende Farben, besonders bei Rot und Orange.
Doch es gab damals zwei „Glaubensrichtungen“: das Lager der Liebhaber von Agfacolor CT 18 (er hieß damals noch nicht Agfachrome) und die Kodachrome II-Freunde. Aus heutiger Sicht betrachtet, waren die damaligen Agfa-Diafilme aus Ost und West in der Farbwiedergabe sehr gedämpft und zurückhaltend, hatten also eine deutlich geringere Farbsättigung als heutzutage, wobei der Ost-Agfa zwar feinkörniger, aber „steiler“ war und schneller zum gefürchteten Blaustich neigte. Kodachrome, der im Vergleich mit heutigen Diafilmen ein Film mit eher zurückhaltenden Farben war, wurde von den Agfa-Fans und ihrem Wortführer Walther Benser damals als viel zu „bunt“ empfunden.

Da meine Versuche mit billigerem Diamaterial von Adox, Perutz und Gevaert enttäuschend verliefen, und mir Anscochrome und CT 18 trotz anderslautender Werbung zu körnig waren, begannen ab 1962 meine Jahre mit Kodachrome. Ihm hielt ich bis 1994 soweit die Treue, dass ich nur gelegentlich „fremdging“ und hin und wieder Ektachrome und ganz selten einen Film von Agfa, und Fuji verwendete. Agfa verbesserte seinen CT 18 zwar im Laufe der folgenden Jahre immer weiter, ohne jedoch die Qualität des Kodachrome II jemals zu erreichen.
Mit einer neuen Leica M2 und Kodachrome II erzielte ich dann ab 1964 Ergebnisse, die keine Wünsche mehr offen ließen. Der Preis für eine 36er Patrone, incl. Entwicklung und Rahmung fiel in den folgenden Jahren allmählich von 18,80 DM auf etwa 14 DM zurück, was bei gleichzeitig steigenden Gehältern das Fotografieren immer günstiger werden ließ. Den Kodachrome-X mit 19°DIN, der etwas später auf den Markt kam, verwendete ich nicht, weil er dem Kodachrome II deutlich unterlegen war.

Im gleichen Jahr 1964 verzichtete die VEB Filmfabrik Wolfen auf den Markennamen AGFA und nannte ihre Fotoprodukte von nun an ORWO (ORIGINAL WOLFEN).

In den folgenden 10 Jahren war Kodachrome II mein Standard-Diafilm, und nur manchmal, wenn ich eine höhere Empfindlichkeit brauchte, griff ich zum Ektachrome-X und später zum Ektachrome 64. Die Farbwiedergabe war bei diesen Filmen im Bereich von Blau, Violett und Grün deutlich kräftiger. Sie waren auch das bevorzugte Material der Mode-und Werbefotografen.

Zur Photokina 1974 stellte Kodak schließlich neue und verbesserte Diafilme vor. Der neue Kodachrome 25 ersetzte den Kodachrome II, und Kodachrome 64 löste den ungeliebten Kodachrome-X ab. Neben einer weiteren kaum sichtbaren Verbesserung der Schärfeleistung war beim 25er nun die Grün-und Rotwiedergabe deutlich differenzierter und das Gelb leuchtender.

Ende der 70er Jahre stieg ich aber wegen der höheren Empfindlichkeit bei gleicher Schärfeleistung auf den Kodachrome 64 um. Ein weiterer Grund dafür war, dass sich jetzt beim 25er immer wieder ein leichter, aber deutlicher Grünstich bemerkbar machte. Kodak in Stuttgart gab mir auf diesbezügliche Fragen nur ausweichende Antworten, obwohl man dort sicherlich die Ursache kannte. Nachdem dann aber der Kodachrome 64 hin- und wieder auch einen leichten Grünstich, manchmal auch einen Rotstich zeigte und von Kodak keine befriedigende Auskunft kam, informierte ich mich anderweitig, und des Rätsels Lösung war recht einfach.
In meinem Bestreben, das möglichst frische Filmmaterial über einen längeren Zeitraum weiterhin frisch zu halten, hatte ich es im Kühlschrank aufbewahrt, was falsch war. Ganz frischer Kodachrome 25 und 64 zeigt einen leichten Grünstich, und wenn dieser Film nun bei Raumtemperatur „reift“ wird er bald neutral. Kurz vor dem Erreichen des sogenannten Verfalldatums geht die Tendenz des Farbstiches nun in die andere Richtung, er wird leicht rötlich bis magenta.

Kodak kannte aber diese Zusammenhänge sehr genau, denn bald gab es beide Kodachrome Diafilme mit der Zusatzbezeichnung „Professional“. Sie waren mit dem normalen, für Amateure bestimmten Material vollkommen identisch, wurden jedoch erst ausgeliefert, wenn ihre „Reifung“ soweit fortgeschritten war, dass die Farbwiedergabe neutral war. Von nun an mussten sie gekühlt aufbewahrt oder sofort verbraucht werden.

Mitte der 90er Jahre gab es dann für mich einige Gründe, dem einst so geliebten Kodachrome den Rücken zu kehren. Die Filme wurden nicht mehr in Stuttgart, sondern nur noch in Lausanne entwickelt, was eine noch längere Wartezeit und Auslandsporto bedeutete, und außerdem benötigte ich jetzt die praktische Rahmung in Slides nicht mehr, denn ich hatte mich der Stereofotografie zugewandt.

Von nun an wurden Ektachrome Elite und schließlich der Velvia 50 von Fuji mein bevorzugtes Diamaterial. In der normalen Farbfotografie verwende ich, auch wegen seiner besonders guten Eignung für die digitale Bildbearbeitung, nur noch den Provia F von Fuji.

Wenn ich gelegentlich meine „uralten“ Dias betrachte, so ist besonders auffallend, dass sich die Kodachrome-Dias im Laufe der Jahrzehnte farblich so gut wie nicht verändert haben, wogegen bei allen anderen Typen deutlich eine mehr oder weniger starke „Ausbleichung“ zu sehen ist.
Insofern bin ich zufrieden und dankbar, dass ich über einen langen Zeitraum fast ausschließlich Kodachrome verwendet habe. Dadurch haben vielleicht auch noch meine Enkel in 30 oder 40 Jahren die Möglichkeit, sich an farblich guten Bildern aus „uralten Zeiten“ zu erfreuen.

Viele Grüße,
Euer Eginhard

 

Von nun an wurden Ektachrome Elite und schließlich der Velvia 50 von Fuji mein bevorzugtes Diamaterial. In der normalen Farbfotografie verwende ich, auch wegen seiner besonders guten Eignung für die digitale Bildbearbeitung, nur noch den Provia F von Fuji.