Minolta CLE – die „Leica M Light“

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Wer die Kompaktheit und Leichtigkeit einer Olympus XA gewohnt ist, dem kann eine Leica M6 schon als unerträglich schwere Last vorkommen. Zum Glück gibt es eine leichtere, äußerst attraktive, mattschwarz-metallisch schimmernde Alternative mit Leica M-Bajonett, die garantiert keine Halswirbelsäulenschäden verursacht.

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Name: Minolta CLE.

Bauart: Kleinbildkamera mit Messsucher, Wechselobjektive mit Leica M-Bajonett.

Mit einer Minolta CLE zu fotografieren ist „unbeschwerter“ als mit einer Leica M6. Das um ein Drittel geringere Gewicht der CLE ist durch den Einsatz von Kunststoff erkauft, der nicht als solcher wahrgenommen wird. Eine „Leica M Light“ sozusagen. Die Verwandtschaft zur Leica CL aus den 1970er Jahren, der älteren Gemeinschaftsentwicklung beider Hersteller, ist augenfällig. Die Gehäusemaße sind fast identisch. Ansonsten gibt es nur wenige Gemeinsamkeiten, wie die Rückspulkurbel an der Unterseite der Kamera. Das Filmeinlegen folgt dem Schema einer zeitgenössischen Minolta SLR mit seitlich angeschlagener, aufklappbarer Rückwand und etwas fummeligem Filmmitnehmer. Bei ihrem Erscheinen 1980 besaß die CLE als erste Kamera mit M-Bajonett einen elektronisch gesteuerten horizontalen Tuchschlitzverschluss, eine Zeitautomatik, sowie TTL und war damit technologisch der Leica M6 voraus.

Ohne 2 SR44-Knopfzellen als Stromquelle ist die Kamera nur Dekoration. Schalter an der Frontseite nach unten geschoben und man erweckt sie zum Leben. Um die Zeitautomatik zu aktivieren, das Zeitenrad an der Kameraoberseite auf A drehen. Berührt der rechte Zeigefinger den Auslöser leicht, dann wird die Belichtungszeit über rote Leuchtdioden entlang einer Skala im Sucher angezeigt. Bei zu trockenem Zeigefinger hilft leichter Druck auf den Auslöser um die Anzeige zu stabilisieren – Erinnerungen an Fernseher mit „Sensortasten“ aus den 1980er Jahren werden wach. Schalter an der Frontseite nach oben geschoben und der Selbstauslöser wäre aktiviert.

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Die Belichtungsmessung ist zuverlässig. Erst während der Aufnahme wird die exakt benötigte Belichtungszeit durch das Objektiv über eine im Boden der Kamera befindliche Siliziumzelle ermittelt. Filmempfindlichkeiten von 25 ASA bis 1600 ASA können eingestellt und damit im Automatikmodus Belichtungszeiten zwischen ½ s und 1/1000 s erreicht werden. Die Zeit kann manuell beeinflusst werden. Dazu einen kleinen Entriegelungsknopf neben dem Zeitenrad herunterdrücken und das Zeitenrad in 0,5 Stufen–Schritten auf Werte von +2 Stufen bis -2 Stufen drehen. Im Sucher wird der korrigierte Wert angezeigt. Auf diese Weise kann die Belichtungszeit auf max. 2 s verlängert werden.

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Sobald man am Zeitenrad einen Wert zwischen B (max. 4 Stunden, dann sollen die Batterien erschöpft sein) und 1/1000 auswählt, erlischt die Belichtungszeitanzeige im Sucher. Nur im Automatikmodus kann man also mit dem eingebauten Belichtungsmesser Anhaltwerte für eine komplett manuelle Belichtung ermitteln. Manche halten das für einen Konstruktionsfehler. In der Praxis fällt dieser Mangel jedoch kaum ins Gewicht. Wer Blendenvorwahl bevorzugt, der nutzt den rein manuellen Modus sowieso äußerst selten. Was schon eher vermisst wird, ist ein Belichtungswertspeicher per halb durchgedrücktem Auslöser.

Das Auslösegeräusch klingt satt. Laut Bedienungsanleitung soll der Verschluss nicht über längere Zeit gespannt bleiben, heißt also: erst spannen, wenn der Wille zum Auslösen feststeht. Lange Lagerung tut dem Verschluss nicht gut, steht in der Bedienungsanleitung. Eine CLE will also ständig verwendet werden. Mit dem am Stativgewinde befestigten, optionalen Griff hält man die CLE auch einhändig sicher. Ca. 400 g inklusive Film und M-Rokkor 2/40 mm Objektiv – mehr Gewicht ist nicht zu stemmen.

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Minolta hatte drei M-Rokkor-Objektive speziell für die CLE im Sortiment: 2,8/28 mm, 2/40 mm und 4/90 mm. Die Leitz-Varianten des 2/40 mm und 4/90 mm (einst für die Leica CL entwickelt) und das Elmarit 2,8/90 mm sind gut nutzbare Alternativen. Alle genannten Objektive sind sehr kompakt und von ausgezeichneter Qualität. Passende Rahmen werden im kontrastreichen, hellen Messsucher automatisch eingespiegelt, wobei der äußere Rahmen für 28 mm immer sichtbar bleibt. Fokussieren durch den gekoppelten Entfernungsmesser ist in allen Lichtsituationen problemlos. Vergrößerungsfaktor des Suchers ist 0,58, der Leuchtrahmen bei 90 mm ist also recht klein – nur 1/3 der Gesamtbreite des Suchers.

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Ein kleines Systemblitzgerät (genannt „Auto CLE“), ein Tischstativ, Augen-Korrekturlinsen und diverse Filter und Gegenlichtblenden mit 40,5 mm Schraubgewinde standen auf der Zubehörliste. Zeitgenössische Extras aus der Minolta XG-Serie (Blitzgeräte, Kabelfernauslöser) können mit der CLE verwendet werden. Minolta hat für die Elektronik der CLE vieles aus dieser Baureihe übernommen.

Gut 30.000 Exemplare sollen von 1980 bis 1984 hergestellt worden sein, darunter eine vergoldete Variante mit rotbraunem Krokodillederimitat, also eine „geschmackliche Verirrung“ für asiatische Sammler. Nicht mein Ding ist ebenfalls das rotbraune „Herrentäschchen“ und der braune „Aktenkoffer“, den Minolta für die Aufbewahrung der CLE entworfen hatte. Eine Minolta CLE passt auf „unbeschwerten Reisen“ samt Wechselobjektiven locker in eine kleine, unscheinbare, verwaschene, schwarze „Bundeswehrkampftasche klein / Brotbeutel“ und lässt noch Platz für die gleichaltrige Olympus XA.

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Eine Minolta CLE wird je nach Erhaltungszustand zu Preisen zwischen 250-450 €, Objektive zwischen 200-400 €, komplette Sets zwischen 1000-1500 € angeboten. Geduld bei der Suche kann sich lohnen: Kamera, Griff, 3 Objektive mit Filtern und Gegenlichtblenden, Systemblitz und Gurt, alles zusammen 1 kg Foto-Spaß, bekommen für 650 € – ich hatte wohl Glück.

Ralf Klossek