Mittelformat-Klappkameras

1. Allgemeines

Mittelformat-Klappkameras – wer kennt sie nicht: Flache Schachteln, die zum Fotografieren aufgeklappt werden und bei denen sich dabei das Objektiv an einem langen gefalteten Balgen nach vorne bewegt. Diese Kameras wurden noch bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gefertigt und waren weit verbreitet. Hunderte, wenn nicht tausende verschiedener Modelle tummelten sich auf dem Markt und finden sich heute auf Fotobörsen, Internet-Auktionsplattformen und im Kleinanzeigenteil von Zeitschriften wieder.

Agfa Isolette – ein häufiger Vertreter der MF-Klappkameras

Agfa Isolette – ein häufiger Vertreter der MF-Klappkameras

Auch wenn die meisten dieser Kameras keinen hohen Wert besitzen, landen viele davon in Sammlervitrinen – eine interessante Beschäftigung für fototechnisch und fotogeschichtlich Interessierte, die noch dazu – im Gegensatz z.B. zum Sammelgebiet Leica – nur geringe Investitionen verursacht.

Aber Mittelformat-Klappkameras taugen durchaus zu mehr: Als kostengünstiger Einstieg ins Mittelformat, als praktische, kleine Immer-dabei-Mittelformatkamera, als puristisches Fotogerät für durchaus qualitativ hochwertige Negative und Dias im etwas größeren Format. Wem die ins Exzessive wachsende Computerisierung und Elektronisierung der Fotografie manchmal zu viel wird, wer die sich am technisch meßbaren Limit bewegenden, sich jedoch nicht immer an Neutralität sondern am Anzeigengeschäft orientierenden Kamera- und Objektivtests der populären Fotozeitschriften nicht mehr sehen kann, der kann an diesen alten Kameras Gefallen finden. Hier geht es zurück zu den Wurzeln und Grundlagen der Fotografie: Zur oft nur durch Schätzung ermittelten Einstellung von Zeit, Blende und Entfernung … und zu manchmal verblüffenden Ergebnissen.2. Warum eine Klappkamera benutzen?Eine Klappkamera? Wozu ein solch antiquiertes fotografisches Gerät einsetzen? Kann man mit derart überholter Technik überhaupt vernünftige Bilder machen? Das sind die Gedanken, die wohl so manchem durch den Kopf gehen, wenn es um Klappkameras und ihren Einsatz in der heutigen Zeit geht.

Objektiv und Compur-Zentralverschluss

Objektiv und Compur-Zentralverschluss

Klappkameras, die bis weit in die fünfziger Jahre eine sehr große Verbreitung bei Fotografen hatten, sind heute nur noch selten in den Händen ambitionierter Fotografen zu finden – sofern man Großformatkameras mit Balgen nicht als Klappkamera definieren möchte. Klappkameras haben meist schon ein halbes Jahrhundert oder sogar noch mehr Jahre auf dem Rücken. Klappkameras bieten nicht die vom Fotografen oft gewünschte Einsatzflexibilität wie z.B. Objektivwechsel. Klappkameras fehlen (meist) die technischen Errungenschaften, die das Fotografieren viel leichter (aber vielleicht nicht unbedingt immer einfacher) machen, wie z.B. Entfernungs- und Belichtungsmessung.

Wozu sollte man also eine Klappkamera einsetzen? Reichen die oben geschilderten Nachteile eines solchen Geräts wirklich noch nicht aus, um jeden zu überzeugen, daß man besser die Finger von einer solchen Kamera lassen sollte? Nun, es gibt auch einige Argumente und Beweggründe, die für den Kauf und Einsatz einer Klappkamera sprechen:

2.1. Kostengünstiger Einstieg ins Mittelformat

Es gibt wohl keinen günstigeren Einstieg ins Mittelformat als eine Klappkamera. Irgendwann fragen sich viele ambitionierte Kleinbild-Fotografen, ob das bisher gepflegte Fotografieren auf Briefmarkengröße nicht eine qualitative Verbesserung durch den Einsatz einer Mittelformatkamera erfahren könnte. Abschreckend sind dabei für die meisten aber dann doch die Kosten für die Mittelformatkameras der bekannten Hersteller. Wer sich also noch nicht absolut sicher ist, ob er sich mit den Vorzügen, aber auch den Nachteilen (größere, schwerere und langsamer zu bedienende Ausrüstung) des Mittelformats auf Dauer anfreunden kann und will, für den ist eine Klappkamera eine kostengünstige Alternative zu den teuren Edelkameras. Egal, ob man sich danach bewußt gegen das Mittelformat entscheidet, oder ob man sich eine Klappkamera zugelegt hat, die technisch nicht mehr optimal in Schuß ist: Der eventuell zu verkraftende Verlust hält sich bei Preisen, die selten über 50-100 Euro liegen, deutlich in Grenzen. Das Hineinschnuppern ins Mittelformat ist somit auch ohne finanzielle Kraftakte für jeden möglich.

2.2. Einstieg in die Schwarzweiß-Fotografie und die Laborarbeit

SW-Fotografie bringt nur mit eigener Laborverarbeitung auch qualitativ befriedigende Ergebnisse bei gleichzeitiger Bezahlbarkeit. Gerade am Anfang der Laborarbeit sind auf den deutlich größeren Negativen Fehler und Unterschiede bei der Belichtung und der Filmentwicklung viel besser zu erkennen, als auf den briefmarkengroßen Kleinbildnegativen. Für erfahrene Profis mag es da keinen Unterschied geben, für mich sind Mittelformat-Negative jedoch viel leichter zu beurteilen als Kleinbild-Negative. So sind Klappkameras nicht nur eine sehr günstigste Alternative für einen Einstieg ins Mittelformat, sondern auch ein günstiger und leichter Einstieg in die Schwarzweiß-Fotografie und die eigene Laborarbeit.

Paßt in jede Jackentasche: Geschlossene Klappkamera

Paßt in jede Jackentasche:
Geschlossene Klappkamera

2.3. Handlichkeit

Nicht immer möchte man die doch relativ schwere und voluminöse Mittelformatausrüstung im Stile einer 6000er Rollei samt Ersatzobjektiven mit sich herumschleppen und als fotografischer Lastesel durch die Lande ziehen. Eine Klappkamera dagegen paßt in fast jede Jackentasche, der zusätzlich notwendige externe Belichtungsmesser auch noch mit dazu. Sind wir einmal ehrlich: Wie oft hat man sich schon aus reiner Bequemlichkeit gegen die Mitnahme der Mittelformat-Ausrüstung entscheiden? Und wie oft waren dann ärgerlicherweise Motive und Lichtstimmungen zu sehen, die man mangels Kamera nicht aufnehmen konnte? Mit einer Klappkamera sollte es diese Ausreden zur Nichtmitnahme der Ausrüstung und den nachfolgenden Ärger mit entgangenen Fotogelegenheiten eigentlich nicht mehr geben. Eine Klappkamera bringt man immer mit unter.

2.4. Einsatz als Zweitkamera

Nicht nur als Notersatz für eine eventuell ausfallende Haupteinsatzkamera ist eine Klappkamera eine kostengünstige Variante. Wer nur ab und zu eine Mittelformataufnahme machen möchte, der hat mit einer Klappkamera eine sehr handliche und günstige Möglichkeit dazu. Im Kleinbildbereich, auf den hier eigentlich nicht näher eingegangen werden soll, hat man keine Möglichkeit, die Filmsorte (z.B. Farbdia und Schwarzweiß) einfach und schnell zu wechseln. Hier kann eine zusätzliche, sehr handliche KB-Klappkamera mit hochwertigem Objektiv auch eine Gelegenheit für ein schnelles Schwarzweiß-Foto zwischendurch bieten. Der Belichtungsmesser der sowieso vorhandenen Spiegelreflexkamera kann dabei praktischerweise mitgenutzt werden.

3. Bildformate

Im Mittelformat wird mit Klappkameras auf Rollfilm 120 fotografiert. Im allgemeinen können keine Rollfilme 220 genutzt werden, da bei den meisten Klappkameras der Filmtransport über ein kleines mit roter Folie verdecktes und oft mit einem kleinen Schieber geschütztes Fenster auf der Rückseite kontrolliert wird, durch das man die Bildnummern sehen kann, die auf dem die Rückseite des 120er Rollfilms bedeckenden Papierstreifens aufgedruckt sind. Der Rollfim 220 verfügt nicht über diesen Papierstreifen, so daß nicht nur der Filmtransport nicht kontrolliert werden kann, sondern durch das Sichtfenster auch der Film belichtet würde.

Mittelformat-Negative: Im Vergleich zu KB ein Genuß bei der Bildbeurteilung auf dem Leuchtpult

Mittelformat-Negative: Im Vergleich zu KB ein
Genuß bei der Bildbeurteilung auf dem Leuchtpult

Von etwas exotischeren Formaten abgesehen, werden vorrangig die Formate 4,5×6 (16 Aufnahmen pro Film), 6×6 (12 Aufnahmen pro Film) und 6×9 (8 Aufnahmen pro Film) benutzt. Das Format 6×9 wird teilweise auch bereits als kleinstes Großformat angesehen, so daß hier für wenig Geld ein erster Einstieg in die Königsklasse der Formate möglich ist. Auf die bildgestalterischen Vor- und Nachteile der verschiedenen Formate soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, da dies zu schnell in philosophische Betrachtungen und subjektive Diskussionen abgleitet. Hier sollte jeder seinem persönlichen Geschmack nachgehen.

Zu bedenken ist, daß die exakte Planlage des Films mit zunehmender Formatgröße kritischer wird, wodurch leichter unscharfe Aufnahmen entstehen können, die nichts mit falscher Entfernungseinstellung oder einem minderwertigen Objektiv zu tun haben. Ebenso sollte bedacht werden, ob – bei Selbstverarbeitung im eigenen Labor – auch ein Vergrößerer im entsprechenden Format zur Verfügung steht.

Wer Dias erstellt und diese nicht nur auf dem Leuchttisch sondern auch in der Projektion zeigen möchte, sollte berücksichtigen, daß Projektoren für Formate größer als 6×6 nur relativ teuer und auch gebraucht nur selten zu bekommen sind.

Die Nutzung des Formats 6×6 kann aus folgenden Gründen und aus meiner Sicht daher als ideal angesehen werden: Das klassische Quadrat 6×6

  • hat einen sehr starken Verbreitungsgrad in der Mittelformatfotografie (geprägt z.B. durch Hersteller wie Rollei und Hasselblad)
  • bereitet weniger Probleme mit der Filmplanlage als 6×9
  • bietet mehr Reserven für Bildausschnitte als 4,5×6
  • wird von mehr Vergrößerer-Herstellern unterstützt als 6×9
  • bietet durch ein größeres Angebot an Diarahmen und Projektoren mehr Spielräume für die Diaprojektion als 6×9
  • bietet mehr Schärfentiefe als das mit längerbrennweitigen 6×9-Kameras möglich ist

Manche der alten Klappkameras lassen die Nutzung unterschiedlicher Bildformate (z.B. 4,5×6 und 6×6) zu. Während dann am Sucher noch relativ einfach zwischen den unterschiedlichen Formaten umgeschaltet werden kann, ist meist zusätzlich noch eine Einlagemaske für den Film erforderlich. Daher sollte darauf geachtet werden, daß die zusätzliche Einlagemaske bei der Kamera noch mit dabei ist. Der geübte Bastler mit der entsprechenden technischen Ausrüstung kann sich ggf. eine fehlende Einlagemaske auch selbst fertigen – für die Mehrzahl der Fotografen wird dies jedoch nur schwer machbar sein.

/p