Rolleiflex 6008

Kein Leichtgewicht: Die Rolleiflex 6008 mit ihren 2,3 kg

Kein Leichtgewicht:
Die Rolleiflex 6008 mit ihren 2,3 kg

Das Flaggschiff

Die Rolleiflex 6008 Ausführung „Professional“ wurde zwischen 1988 und 1992 gebaut und ist keine Kamera, die man sich ohne ernsthafte und längerfristige Ambitionen im Mittelformat kaufen würde – dazu ist der Preis zu abschreckend. Bedingt wohl durch die Zunahme der Digitalfotografie und das geringere Interesse an der analogen und noch dazu Mittelformatfotografie, kann man auf dem Gebrauchtmarkt jedoch inzwischen durchaus zu einem erschwinglichen Preis dieses Flaggschiff der Firma Rollei erwerben. Gerade die Ausführung „Professional“ ist aufgrund ihres Alters in akzeptablen Preisbereichen auch für Amateure angelangt. Auch unsere 6008 wurde gebraucht gekauft, komplett in einem tropentauglichen Alu-Fotokoffer mit einem Normalobjektiv, einem zusätzlichen Filmeinsatz für das Magazin, einem Ladegerät, einigen Filtern und diversem Kleinzubehör. Ein solches Komplettangebot ist meist deutlich günstiger als die Zusammenstückelung von einzeln gekauften Teilen.

Für sein Geld erhält man eine ganze Menge Kamera, schließlich bringt die 6008 mit Normalobjektiv gute 2,3 kg auf die Waage. Damit ist ein schweißtreibender und konditionsfördernder Transport vorprogrammiert, denn eine Mitnahme in der Jackentasche dürfte in den meisten Fällen ausscheiden.

Das bereits in der Vorstellung unserer Rolleiflex 6002 empfohlene Zubehör (Kabelauslöser, Ersatzakku, …) kann uneingeschränkt auch für die 6008 empfohlen werden. Wer z.B. von der 6002 oder einer anderen Kamera der 6000er Serie auf die 6008 umsteigt, kann dabei seine gesamte Ausrüstung vom oben erwähnten Zubehör bis zu den Objektiven weiter benutzen. Bereits getätigte Investitionen in die hervorragenden Optiken sind damit nicht verloren, sondern behalten ihren Wert. Diese kundenorientierte Strategie der Abwärtskompatibilität würde man sich von manchem anderen Hersteller auch wünschen.

Ein Genuß und für Kleinbildfotografen ein richtiggehendes Erlebnis: Die Bildgestaltung und Arbeit mit dem großen und hellen Lichtschachtsucher der Rolleiflex 6008.

Ein Genuß und für Kleinbildfotografen ein richtiggehendes
Erlebnis:
Die Bildgestaltung und Arbeit mit dem
großen und hellen Lichtschachtsucher der Rolleiflex 6008.

Wie schon bei der Rollei 6002 erwähnt, ist ein ganz wesentlicher Vorteil für die Verwender unterschiedlichen Filmmaterials, daß man an der 6008 Wechselmagazine benutzen kann. In wenigen Sekunden hat man so motivgerecht z.B. von Schwarzweiß-Negativfilm auf Farb-Diafilm umgestellt. Bei neueren, speziell für die 6008 gebauten Magazinen, wird die Empfindlichkeitseinstellung am Magazin vorgenommen und auf die Kamera übertragen. Bei der Verwendung älterer 6006-Magazine findet eine solche Übertragung nicht statt; hier geht die Kamera immer von einer Filmempfindlichkeit von 100 ASA aus. Eine Korrektur wird ganz einfach über das Drehrad für die Belichtungskorrektur seitlich an der Kamera vorgenommen, so daß auch hier ein Bereich von 25 bis 2400 ASA für die interne Belichtungsmessung und Automatik zur Verfügung steht.

Für die kamerainterne Belichtungsmessung stehen eine den unteren Bildbereich betonende Integralmessung, Spotmessung und Multispotmessung zur Verfügung. Auch wenn ich das Zonensystem von Anselm Adams nie so ganz verstanden, geschweige denn angewendet habe, dürften mit diesen von Rollei gebotenen Möglichkeiten auch dessen Anhänger als detailversessene Belichtungsakrobaten damit die meisten Situationen abdecken können. Ich muß zugeben, daß die Integralmessung der Rollei die von mir am meisten angewandte Methode ist, die mich noch dazu so gut wie nie im Stich gelassen hat. In den wenigen ganz kritischen Situationen schieße ich persönlich lieber eine kleine Belichtungsreihe als eine mir zu komplex erscheinende und damit für mich wieder fehlerwahrscheinliche Meßmethode anzuwenden.

Optimale Arbeitsbedingungen: Ein stabiles Stativ mit 3-Wege-Kopf als Gewähr für verwackelungsfreie Aufnahmen.

Optimale Arbeitsbedingungen:
Ein stabiles Stativ mit 3-Wege-Kopf
als Gewähr für verwackelungsfreie Aufnahmen.

Auch an Belichtungsautomatiken bietet die 6008 die volle Auswahl: Zeit-, Blenden- und Programmautomatik stehen zur Auswahl, wodurch alle denkbaren Aufnahmesituationen abgedeckt sein sollten.

Zugegeben … es ist sicher nicht jedermanns Sache, eine derart schwere und voluminöse Kamera samt Stativ und diversem Zubehör durch die Landschaft zu bewegen. Aber wer einmal die technische Abbildungsqualität der mit einer Rollei 6008 eingefangenen Motive gesehen hat, der fragt sich oft, wieso er eigentlich jahrelang auf Briefmarkengröße mit seiner Kleinbildkamera fotografiert hat. Noch dazu kann die Fotografie im Mittelformat dabei weit mehr sein als nur technisch perfekte Abbildung des Gesehenen. Der Aufbau des Stativs und der Kamera, die Ausrichtung der Kamera, die Festlegung des Bildaufbaus im großen, hellen Sucherbild, die Belichtungs- und Schärfentiefengestaltung – sie zwingen zu Ruhe. Und mit dieser Ruhe vollzieht sich unmerklich auch eine intensivere Beschäftigung mit dem Medium Fotografie.

Fotografie wird so zum tieferen Erlebnis nicht nur mit der Technik, sondern vor allem mit der Umwelt, dem Motiv, dem Licht. Ist es vermessen zu sagen, daß Fotografie, die derart ausgeübt wird, so auch zur Lebenseinstellung, zur Philosophie werden kann? Nun, ob dies zutreffen kann, muß jeder für sich selbst entscheiden, aber eines kann Fotografie so auf jeden Fall werden: Zur Sucht, zum immer wiederkehrenden Drang, zur immer wiederkehrenden Jagd nach dem absoluten Motiv, der absoluten Lichtstimmung, die man allerdings glücklicherweise nie finden wird. Denn auch hier gilt: Der Weg ist das Ziel – und nur so bleibt uns die Fotografie auch dauerhaft als intensive, interessante und immer wieder reizvolle Beschäftigung erhalten, die uns ein Leben lang faszinieren und begleiten kann …

copyright Ralf Brauer