Rolleiflex – Baujahr 1937

Photographieren wie Anno Dazumal

 

rolleiflex_logoRollei – eine traditionsreiche deutsche Marke und Symbol für optische, mechanische und später auch elektronische Spitzenqualität. Bereits 1920 von Paul Franke und Reinhold Heidecke in Braunschweig gegründet, wuchs das Unternehmen in wenigen Jahren schnell auf eine mehrere hundert Köpfe umfassende Belegschaft an.

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Ein Blick in das Konstruktionsbüro Mitte der dreißiger Jahre
(Bildquelle: Dr. Walther Heering: Das goldene Buch der Rolleiflex, Bad Harzburg, 1936)

Der wichtigste Meilenstein in der frühen Firmengeschichte war die Entwicklung der zweiäugigen Rolleiflex, die 1928 auf den Markt kam und in den Folgejahren ihren Siegeszug bei Profis und Amateuren auf der ganzen Welt begann. Die Fabrik entwickelte sich zudem Anfang der dreißiger Jahre zu einem Musterbeispiel an moderner, sicherer, hygienischer und ergonomischer Arbeitsplatzgestaltung. Bereits Mitte der Dreißiger hatten mehr als 200.000 Kameras das Werk verlassen und weltweit Freunde im fotografischen Umfeld gefunden.

Unsere Rolleiflex stammt aus dem Jahr 1937 und hat damit also rolleiflex_gesamtschon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Als ich das guterhaltene Stück auf einer Fotobörse in die Hand nahm, ahnte ich nicht, daß sich daraus eine Leidenschaft entwickeln würde, die in der Folge auch immer wieder zum Absinken des Kontostandes führen sollte. Ein dem Hobby dienendes Werkzeug sollte nicht nur über gute technische Daten verfügen, es sollte auch ganz einfach gefallen und es sollte gut in der Hand liegen. Die Rolleiflex war Liebe auf den ersten Blick und erfüllte beide genannten Voraussetzungen. Der Vorbesitzer war kein Händler, sondern ein älterer Herr, der die Kamera selbst noch zum Fotografieren benutzte. So entwickelte sich ein für mich als bisher nur dem Kleinbildformat verhaftetem Amateurfotografen interessantes Gespräch über das Mittelformat und die Rolleiflex als lebendiges Sinnbild der Geschichte des Mittelformats. Ausführlich ließ ich mir die Bedienung der Kamera erklären, zeigte Interesse und schließlich Begeisterung (was dem Aushandeln des Verkaufspreises sicher nicht dienlich war) und es kam, was kommen mußte: Ich verließ die Fotobörse als angehender Mittelformat-Fotograf mit der Rolleiflex im Rucksack.

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Paul Franke und Reinhold Heidecke, die beiden Firmengründer
(Bildquelle: Dr. Walther Heering: Das goldene Buch der Rolleiflex, Bad Harzburg, 1936)

Schon früh hatten die beiden Firmengründer erkannt, daß man zur Produktion eines Spitzenproduktes nicht alle Komponenten selbst entwickeln muß, sondern sowohl aus betriebswirtschaftlichen wie auch aus technischen Gründen auf die Erfahrung anderer Technologieführer zurückgreifen kann. Und so trat die Firma Zeiss, die auch für das Objektiv unserer Rolleiflex verantwortlich zeichnet, bereits in frühen Jahren als einer der wenigen Lieferanten auf, die den strengen Qualitätsanforderungen der Rollei-Werke genügten. Bei dem Objektiv handelt es sich um ein Tessar 1:3,5 mit einer Brennweite von 75mm, das von Carl Zeiss Jena gefertigt wurde. Einzeln einstellbar sind ein Blendenbereich von 3,5 bis 22 und ein Zeitenbereich von B bis 1/500 Sekunde. Selbstauslöser, Drahtauslöseranschluß sowie ein Stativgewinde sind ebenso vorhanden wie eine auf der Kamerarückseite angebrachte Einstellungstabelle mit Zeit-Blenden-Kombinationen für unterschiedliche Situationen (durch modernere Filmemulationen und die präziseren Möglichkeiten genauer Belichtungsmessung natürlich nur noch bedingt brauchbar).

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Blick von oben in den geöffneten Lichtschacht der
Rolleiflex. Zur genauen Scharfeinstellung kann eine
Lupe zur Vergrößerung des Mattscheibenbildes
herausgeklappt werden.

Für den Kleinbildfotografen ungewohnt aber faszinierend ist der Blick in den geöffneten Lichtschacht: In voller Größe läßt sich hier das anvisierte Motiv erkennen. Viel unverfälschter als bei einer Kleinbildkamera lassen sich hiermit die richtige Bildkomposition finden und der tatsächliche Eindruck und die Wirkung des späteren Bildes auf den Betrachter beurteilen – kein falscher dreidimensionaler Eindruck wie beim Blick in den Sucher einer Kleinbildkamera läßt das Bild eindrucksvoller erscheinen als es sich dann später in oft enttäuschender Weise darstellt. Wer einige Male mit einem Lichtschacht gearbeitet hat, der möchte diesen nicht mehr missen.

Die ersten Bilder mit der Rolleiflex waren mehr als überzeugend: Eine hervorragende Bildschärfe und eine Auflösung, die es eben nur im Mittelformat gibt. Der Anfang einer für mich neuen Art des Fotografierens war damit geboren und sollte mich auch in der Zukunft immer wieder begeistern. Auch wenn die Rolleiflex heute öfter in der Vitrine als in der Fototasche steht, so würde ich sie immer wieder kaufen. Für knapp 150 Euro habe ich eine Kamera erhalten, deren überzeugende Verarbeitung und Bildqualität den Einstieg ins Mittelformat auch nur aus reiner Neugierde erlaubt – Suchtgefahr allerdings mit eingeschlossen.

copyright Ralf Brauer