SW-Infrarot-Dia – ein Leitfaden für die Praxis

Henning Serger

SW-Infrarot-Dia – ein Leitfaden für die Praxis

Warum Infrarot als SW-Dia?

Der besondere Reiz des SW-Infrarot liegt im Wood-Effekt begründet, welcher Blattgrün weiß erscheinen lässt. Außerdem kommen Himmel und Wasserflächen deutlich dunkler. Das Weiß des Blattgrüns kommt mit dem Durchlichtmedium SW-Dia nun besonders brillant und strahlend zur Geltung. Intensiver, als es auf dem Abzug möglich wäre.
Durch das deutlich höhere Dmax des Dias kommen auch die dunkleren Bereiche im IR-Bild wie Himmel und / oder Wasserflächen insgesamt „satter“ und prägnanter. Der Kontrastumfang zwischen dem Weiß der Blätter und den dunklen Bildbereichen ist beim SW-Infrarot-Dia größer als beim konventionellen Abzug. Die Bildbrillanz ist deutlich höher. Insbesondere in der Projektion mit sehr guten Projektionsobjektiven ist die Qualität überwältigend.

Hinzu kommen dann auch noch die spezifischen Eigenschaften und Vorteile des Aufnahmemediums Diapositiv, welche hier ausführlich erläutert werden:

https://www.aphog.de/wp-content/downloads/Diapositiv/Ein%20einzigartiges%20Bildmedium-das%20Diapositiv.pdf

Aktuell verfügbare Filme:

Als Filme für SW-IR-Dias kommen der Rollei Superpan 200 / Rollei Retro 400S / Rollei Infrarot (= Agfa-Gevaert Aviphot Pan 200) und der Rollei Retro 80S (= Agfa-Gevaert Aviphot Pan 80) in Frage. Beide Filme lassen sich sehr gut zum SW-Dia umkehrentwickeln, und beide Filme weisen die notwendige erweiterte Rotsensibilisierung auf, um in Kombination mit einem geeigneten Filter den gewünschten Wood-Effekt zu zeigen. Als Filter empfiehlt sich ein IR-Filter, welcher unterhalb von 715 Nanometer weitgehend sperrt. Ich verwende für beide Filme ein Heliopan RG 715 Filter, und erziele damit ausgezeichnete Ergebnisse.

Beide Filme können sowohl im Agfa-Scala-Prozess (z.B. bei Photostudio 13), im ‚Umkehrprozess nach Wehner’ von Klaus Wehner (www.schwarz-weiss-dia.de), als auch im Prozess von Agenzia Luce (www.agenzialuce.it) zum SW-Dia umkehrentwickelt werden. Klaus Wehner hat seinen Umkehrprozess für den Retro 80S als Infrarot-Dia etwas modifiziert gegenüber einer Standard Retro 80S Umkehr-Entwicklung. Wenn man ihm als IR belichtete Retro 80S zusendet, sollte man dies extra vermerken, damit die Filme im modifizierten Prozess entwickelt werden, so seine Empfehlung. Der ‚Umkehrprozess nach Wehner’ unterscheidet sich recht deutlich vom Scala-Prozess. Er ist wesentlich arbeitsaufwendiger mit deutlich mehr Prozessschritten. Dieser Umkehrprozess ist primär darauf ausgelegt, bei sehr niedriger Schleierdichte (Dmin) ein möglichst hohes Dmax und damit maximale Bildbrillanz zu erzielen. Derzeit befindet auch ein von Klaus Wehner entwickelter, relativ einfach zu handhabender SW-Umkehrkit für das Heimlabor in der Erprobung.

Ergebnisse:
A. IR-Empfindlichkeit: Beide Filme zeigen in Verbindung mit dem Heliopan RG 715 Filter einen sehr schön ausgeprägten Wood-Effekt. Praktisch reinweiße Blätter sind durchaus möglich, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: Ausreichend hoher IR-Anteil im Licht (unterliegt durchaus Schwankungen in Abhängigkeit von Tageszeit und Witterungsbedingungen; so vermindern beispielsweise Wassertröpfchen in der Luft bei stärkerem Nebel den IR-Anteil), Zustand der Vegetation (Chlorophyllanteil), Einfallswinkel des Lichts. Da die IR-Intensität je nach Aufnahmesituation schwanken kann (s.o.), ist es bei IR geeigneten Filmen grundsätzlich nicht möglich, ganz exakte Empfindlichkeitsangaben für die Aufnahmen mit IR-Filter zu machen. Nach meiner bisherigen Erfahrung fährt man mit dem SP 200 und Retro 80S als SW-IR-Dia folgendermaßen am besten:

Superpan 200: Ausgangsempfindlichkeit mit RG 715 Filter ISO 6/9°.

Retro 80S: Ausgangsempfindlichkeit mit RG 715 Filter ISO 1,5/3°.

Da beide Filme sowohl im Scala-, als auch im Umkehrprozess nach Wehner die gleiche Empfindlichkeit besitzen, gelten diese Angaben gleichermaßen für beide Prozesse.
Von diesen Ausgangsempfindlichkeiten ausgehend empfiehlt es sich dann wie in der IR-Fotografie üblich und bewährt, Belichtungsreihen zu machen: Ich mache von dieser Basis ausgehend Belichtungsreihen von – 1 bis + 1 ½ Blendenstufen in Drittel-Blendenstufen. Nach der Entwicklung erfolgt dann auf dem Leuchtpult mit Dia-Lupe die Auswahl. Bei diesem Belichtungsintervall ist nach meiner Erfahrung wenigstens ein Belichtungstreffer überaus wahrscheinlich. Wer sich noch weiter absichern möchte erweitert das Intervall der Belichtungsreihe einfach. Bei manchen Motiven lohnt es sich, die Aufnahme im Stil des „Mondscheineffektes“ zu machen. Das erreicht man bei IR-Film durch stärkere Unterbelichtung: Also bei der Belichtungsreihe einfach das Intervall in Richtung Unterbelichtung erweitern und bei der Unterbelichtung in Richtung – 2 ½ – 3 Blendenstufen gehen.

Eine weitere interessante Beobachtung noch zum 80S und SP200 als IR-Diafilm: Beides sind von der Konzeption her Luftbildfilme, die grundsätzlich zu einer stark S-förmigen Schwärzungskurve mit Abflachung des Kurvenverlaufs in den Lichtern neigen. Für die Luftbildfotografie mit ihren speziellen Anforderungen ist das ideal. Für normale Halbtonfotografie am Boden kann das zuweilen problematisch sein.
Für die IR-Dia-Fotografie sehe ich es aus meiner Erfahrung heraus aber wieder als kleinen Vorteil: Die Filme haben dadurch etwas Spielraum für eine leichte Überbelichtung, die den Wood-Effekt verstärken kann, ohne dass die Lichter zu schnell ausfressen. Ich hatte bei meinen Belichtungsreihen festgestellt, dass die, rein technisch gesehen, ca. 0,5 – 0,75 Blenden überbelichteten Aufnahmen häufig am besten aussahen: Hervorragender Wood-Effekt, und noch kein störender Zeichnungsverlust in den Lichtern (natürlich ist die Ausprägung des Woodeffekts immer auch Geschmackssache, keine Frage).

B. Bildqualität:

Beide Filme liefern eine sehr gute Bildqualität, allerdings mit unterschiedlichen Charakteristika: Der Retro 80S zeichnet sich vor allen Dingen durch sein sehr feines Korn, die hervorragende Konturenschärfe und gute Auflösung aus. Das gilt gleichermaßen für den Scala- wie für den Wehner-Prozess. Signifikante Unterschiede bei diesen drei Parametern zwischen beiden Prozessen bestehen nicht. Der Superpan 200 zeigt ebenfalls eine sehr gute Konturenschärfe (wenngleich nicht ganz auf dem 80S Niveau), verfügt aber über ein wesentlich akzentuierteres, gröberes Korn. Die Auflösung ist auch etwas geringer beim SP200 im Vergleich zum 80S. Der höheren Empfindlichkeit des Films muss bei der Detailwiedergabe Tribut gezollt werden. Für Feinkornliebhaber ist der 80S der geeignetere Film, wer einen körnigeren Look bevorzugt greift zum SP200.

Deutliche Unterschiede ergeben sich, wenn man das Dmax beider Filme in den unterschiedlichen Umkehrprozessen analysiert: Der Scala-Umkehrprozess ist generell ein eher etwas weicher, moderater Prozess, der nicht primär auf höchstes Dmax ausgelegt ist. Dieser Prozess wurde ursprünglich eben (nur) für den Agfa Scala Film konzipiert, um mit diesem optimale Ergebnisse in einem möglichst breiten Band (Normal-, Pull- und Pushprozess) zu ermöglichen. Generell gilt, dass je frischer der Film, desto höher das Dmax in der Umkehrentwicklung. Das gilt nicht nur für Scala-Prozess, sondern allgemein. Einige SW-Umkehrlabore weisen darauf auch explizit hin. Meine Erfahrungen und Vergleiche mit älterem und ganz frischem Material bestätigen das. Mit dem 80S habe ich bisher Dmax Werte im Bereich von 2,70 – 2,90 logD im Scala Prozess erzielt. Und mit dem SP200 im Scala-Prozess 2,90 – 3,10 logD. Der Umkehrprozess nach Wehner ist auf ein möglichst hohes Dmax ausgelegt, und das wird auch erreicht: Der Retro 80S als IR-Dia im dafür modifizierten Prozess erreicht Dmax Werte von gut 3,80 logD. Das ist ein hervorragender Wert, und der Unterschied zum 80S im Scala-Prozess ist deutlich sichtbar. In der Projektion sind die von K. Wehner entwickelten SW-Dias absolut beeindruckend, ein optischer Hochgenuss.

Fazit:

Retro 80S und SP200 im Scala-Prozess / Photostudio 13: Befriedigend bis gutes Dmax, insgesamt sehr gute Bildqualität, hervorragender Service bei PS13 (schnelle Bearbeitung, optimaler Versandservice).

Retro 80S / SP 200 im Umkehrprozess nach Wehner: Sehr hohes Dmax, mit Abstand beste Brillanz, insgesamt beste Bildqualität bei diesen Filmen; durch den aufwendigeren Prozess längere Bearbeitungszeit.

C. Bildbeispiele:

Vielen Dank an unseren Forenkollegen Dominique Ventzke von High-End-Scans für das Anfertigen der Scans (beim Anklicken bitte etwas Geduld beim Bildaufbau, die Dateien sind etwas größer).

1. Rollei Retro 80S entwickelt im Umkehrprozess nach Wehner.
„Mondscheineffekt“ durch bewusst zu knappe Belichtung:
http://www.high-end-scans.de/img/bilder/web/Serger_SWD_RR80S_01_4000ppi.jpg

2. Rollei Retro 80S entwickelt im Umkehrprozess nach Wehner.
„Mondscheineffekt“ durch bewusst zu knappe Belichtung:
http://www.high-end-scans.de/img/bilder/web/Serger_SWD_RR80S_02_4000ppi.jpg

3. Rollei Retro 80S entwickelt im Umkehrprozess nach Wehner:
http://www.high-end-scans.de/img/bilder/web/Serger_SWD_RR80S_03_4000ppi.jpg

4. Rollei Retro 80S entwickelt im Umkehrprozess nach Wehner:
http://www.high-end-scans.de/img/bilder/web/Serger_SWD_RR80S_04_4000ppi.jpg

5. Rollei Retro 80S entwickelt im Umkehrprozess nach Wehner:
http://www.high-end-scans.de/img/bilder/web/Serger_SWD_RR80S_05_4000ppi.jpg

6. Rollei Superpan 200 entwickelt im Scala-Prozess bei Photo Studio 13:
http://www.high-end-scans.de/img/bilder/web/Serger_SWD_RS200_01_4000ppi.jpg
http://www.high-end-scans.de/img/bilder/web/Serger_SWD_RS200_02_4000ppi.jpg